Sei eine Schale

Bernhard von Clairvaux (Zisterzienserabt und Mystiker, 1090–1153) hat einen tiefsinnigen Text über das Sein wie eine Schale geschrieben. Den teile ich hier gerne mit euch:

Schale sein, nicht Kanal

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,
ohne eigenen Schaden weiter,
denn sie weiß, dass der verflucht ist, der seinen Teil verringert.

Wir haben heutzutage viele Kanäle in der Kirche,
aber sehr wenige Schalen.
Diejenigen, durch die uns die himmlischen Ströme zufließen,
haben eine so große Liebe,
dass sie lieber ausgießen wollen, als dass ihnen eingegossen wird.
Sie wollen lieber sprechen als hören
und sind bereit zu lehren, was sie nicht gelernt haben.
Sie spielen sich als Vorsteher über die anderen auf,
während sie sich selbst nicht regieren können.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen,
und habe nicht den Wunsch, freigiebiger als Gott zu sein.
Die Schale ahmt die Quelle nach.
Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.
Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle.
Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen.
Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.

Und zu diesem Text habe ich dann noch dieses Gebet hier gefunden. Es geht wohl auf den französischen Priester, Theologen und Schriftsteller Michel Quoist (1921–1997) zurück.

Herr, mache mich zu einer Schale,
offen zum Nehmen,
offen zum Geben,
offen zum Beschenkt werden,
offen zum Bestohlen werden.

Herr, mache mich zu einer Schale für Dich,
aus der Du etwas nimmst,
in die Du etwas hineinlegen kannst.
Wirst Du bei mir etwas finden,
was Du nehmen könntest?
Bin ich wertvoll genug,
sodass Du in mich etwas hineinlegen wirst?

Herr, mache mich zu einer Schale
für meine Mitmenschen,
offen für die Liebe,
für das Schöne,
das sie verschenken wollen,
offen für ihre Sorgen und Nöte,
offen für ihre traurigen Augen
und ängstlichen Blicke,
die von mir etwas fordern.

Herr, mache mich zu einer Schale.
Amen.

Sprechen dich diese beiden Texte an? Mich sehr. Gerade in der heutigen Zeit nehmen sie Druck heraus und schaffen Ruhe und Frieden. Es geht nicht um das Nichtstun, sondern darum, dass wir aus der Fülle Gottes wirken.

Bis jetzt gehörte es nicht zu meinen Lebenszielen, eine Schale zu sein. Ab jetzt schon.

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